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Geschichtliches zum Scherenschnitt

Der Brauch, geschnittenes Papier zu bildnerischen oder dekorativen Zwecken zu verwenden, stammt aus dem Orient und wurde in Mitteleuropa nach 1600 bekannt. Man begeisterte sich damals für das Schattenspieltheater aus Persien und aus der Türkei und lernte durch das Schneiden von Figuren und Szenerien aus Papier die Technik kennen. Daraus entwickelte sich eine eigentliche Liebhaberkunst, zunächst allerdings nur in gesellschaftlich anspruchsvollen Kreisen der Städte.

Mit Hilfe von Falt- und Dekorschnitten bezeugte man sich in familiärer Atmosphäre die Zuneigung und die Freundschaft. Wichtig wurden im 18.Jh. die Schattenrisse aus schwarzem Papier. Der sparsame französische Finanzminister Etienne de Silhouette (1701-1767) empfahl anstelle der teuren Porträtgemälde die Porträtrisse aus Papier. Die Bezeichnung „Portrait à la Silhouette“ wurde in der Folge sowohl spöttisch als auch in typisierender Weise zur Kennzeichnung des kleinen Schattenrisses verwendet. Tatsächlich fanden die Silhouettenschnitte eine grosse Verbreitung im Stammbuch und später im Poesiealbum. Bis heute sind auf Jahrmärkten geübte Schnittkünstler tätig, die ohne Vorzeichnung eine Porträtsilhouette aus schwarzem Papier schneiden.

Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich in der Schweiz ein eigener, wenn auch regional unterschiedlicher, typischer Scherenschnittstil entwickelt. Besonders geprägt wurde dieser Stil durch Johann Jakob Hauswirth welcher 1809 in Saanen geboren wurde und 1871 in der Nähe von L’Etivaz verstorben ist. Hauswirth war ein Künstler, über den man nichts oder fast nichts genau weiss. Wie man vermutet, ist er im Simmental (Garstatt) aufgewachsen und lebte später auch im Pays-d’Enhaut. Als Taglöhner ging er von Bauernhof zu Bauernhof oder arbeitete auch als Köhler in den Wäldern von „Rodomont“(Grossenberg) über Rougemont. Er erschien und fragte nach einer Unterkunft für die Nacht und als Dankeschön schenkte er jeweils seinen Gastgebern ein ausgeschnittenes Bildchen welches oftmals als Buchzeichen im Gebetsbuch oder in der Bibel gebraucht wurde.

Hauswirth’s Erfindungsgeist und Entdeckungslust war sehr gross und er schuf auch sehr viele farbige Scherenschnitte. Schon früh verliess er die traditionelle Symmetrie um freier gestalten zu können. Trotzdem blieben die Kunstwerke sehr ausgewogen und nur ein geübter Beobachter konnte auf Anhieb erkennen, dass es sich nicht um rein symmetrische Bilder handelt.  Unübersehbar und für Hauswirth sehr typisch sind die zahlreichen Darstellungen von Pforten und Toren – man ist versucht diese Darstellungen als Symbol seiner Werke zu sehen.

Weitere sehr bedeutende Scherenschnittkuenstler waren u.a. Louis Saugy (1871-1953), David Regez (1916-1984) und im Saanenland ganz besonders Christian Schwizgebel (1914-1993). Ab 1978 hatte Schwizgebel ausser seinen wunderschönen klassischen Scherenschnitten und Szenen aus der Tierwelt von unglaublicher Naturtreue auch fünf bis sechs ausserordentliche Relief-Werke geschaffen. Als Grossformat (80/100cm) bestehen sie aus sechs bis sieben hintereinander geschichteten und durch Glasscheiben voneinander getrennte farbige Bildflächen. Eines dieser Werke ist im Museum der Landschaft Saanen zu bewundern.

Diese Scherenschnitte, die meist von einfachen Menschen geschnitten wurden, haben in den letzten Jahren Tausende von Bewunderern hervorgerufen. Die Zahl der Künstler die es verstehen, mit Schere und Papier umzugehen, hat sich vervielfacht.

Das Zentrum der Scherenschnittkunst liegt auch heute noch im Kanton Bern und im angrenzenden Pays-d’Enhaut. Wenn auch viele Künstler aus dieser Region noch eng mit der Tradition verbunden sind, haben es andere nicht nur technisch, sondern auch in der Formerfindung zu einer fast unübertrefflichen Meisterschaft gebracht.

Interessant ist der Vergleich zu den übrigen Scherenschnittkünstlern, die ihren eigenen Vorstellungen und Phantasien folgen und dabei erstaunliche Kreationen entstehen lassen. Der traditionelle Bauernscherenschnitt wird heute mehr und mehr zurückgedrängt; zeitaktuelle Themen oder auch die Märchenwelt werden vermehrt ins Papier geschnitten. Immer besseres technisches Material hat den Scherenschnitt verfeinert. Doch es ist die Begabung, die unermüdliche Formerfindung und Gestaltungskraft, die auch den Künstler von heute auszeichnen.

(Ausschnitte aus dem Katalog der 1. Schweiz. Scherenschnitt-Ausstellung 1985 von Herrn Dr. Theo Gantner, Basel und Herrn Fritz Hobi, Winterthur und aus „Scherenschnitte aus dem Saanenland von Claude Allegri“)

Scherenschnitt Schweiz
Mehr Informationen zum Scherenschnitt findet man auf der
Website des Schweizerischen Vereins Freunde des Scherenschnitts.